Messegesellschaften vorgestellt: Deutsche Messe Hannover - Unterwegs zur digitalen Transformation

Messegesellschaften vorgestellt: Deutsche Messe Hannover
Die digitale Transformation im Blick: Manfred Kutzinski im Gespräch über die Entwicklung der Deutschen Messe.
Foto: Deutsche Messe AG

Was sind die Zukunftsthemen der großen deutschen Messegesellschaften? Mit Manfred Kutzinski, Director Logistics bei der HANNOVER MESSE, sprachen wir über die digitale Transformation der Messe.

Entstanden 1947 als Mutter aller deutschen Messen, steht die Deutsche Messe Hannover in der Tradition der großen Industrie- und Investitionsgütermessen. Und obwohl jedes Jahr eine beeindruckende Zahl nationaler und internationaler Fachmessen auf dem weltgrößten Messegelände stattfindet, war und ist speziell die HANNOVER MESSE imageprägend für den Messestandort. Doch auch vor diesem Messe-Urgestein machen die Entwicklungen und Veränderungen des Messe-Business im Zuge der zunehmenden Digitalisierung nicht halt. Inhaltlich hat sich die HANNOVER MESSE längst von der klassischen Maschinenbau-Ausstellung zum Schauplatz der smarten Industrie gewandelt. Software-Unternehmen, die die Automatisierung und Autonomisierung der Industrie voranbringen, sind inzwischen treibende Kräfte der Branche. Für 2020 setzt die Industrie-Weltleitmesse auch selbst auf Transformation. Denn dann steht eine großangelegte Neustrukturierung der Messe an.

Zahlen & Fakten

Deutsche Messe AG

  • Messen pro Jahr: 130 Veranstaltungen im In- und Ausland (abhängig von geradem oder ungeradem Messejahr)
  • Gesamtfläche Messegelände: 24 Hallen mit 392.453 m² Fläche und 58.000 m² Freigelände, Gesamtfläche: 1 Mio. m²
  • Anzahl Besucher pro Jahr: 1,7 Mio.
  • Anzahl Mitarbeiter: 1.227
  • thematische Spezialisierung: Investitionsgütermesse
  • weitere Besonderheiten: Anbieter von digitalen Services

Mit Manfred Kutzinski, Director Logistics bei der HANNOVER MESSE, sprachen wir über die digitale Transformation auf der Messe und in der Industrie – und warum der HANNOVER MESSE eine Vorreiterrolle beim Thema Industrie 4.0 zukommt.

Herr Kutzinski, die Digitalisierung ist im täglichen Messebetrieb allgegenwärtig. Online-Ticketing, Kontaktmanagement, Social-Media-Inhalte und Vieles mehr erfolgen digital. Wann hat die Digitalisierung im allgemeinen Geschäftsbetrieb der Deutschen Messe Hannover Einzug gehalten?

Wir bewegen uns mit unseren internationalen Leitmessen am Standort Hannover und in der Welt schon seit vielen Jahren im Digitalsektor. Seit 2017 ist die Digitalisierung allerdings ein fester Teil unserer Unternehmensstrategie und eines der sechs Handlungsfelder. 2018 haben wir dann in Folge einen eigenen Digitalbereich gegründet, in dem alle digitalen Aktivitäten und Projekte innerhalb des Unternehmens gebündelt sind. Der Bereich beschäftigt sich einerseits mit der Transformation des Unternehmens und seiner Mitarbeiter und entwickelt andererseits aber auch neue, digitale Produkte, die wir wiederum für neue Geschäftsmodelle nutzen.

Warum wird Industrie 4.0 ab dem Jahr 2020 zum Schwerpunktthema der HANNOVER MESSE?

Industrie 4.0 und die Digitalisierung sind schon länger Schwerpunkte der HANNOVER MESSE und führen nun dazu, dass wir die Messestruktur umordnen. Das bedeutet, dass für unsere Messe imageprägende Aussteller, die seit über 20 Jahren am selben Standort auf der Messe anzutreffen waren, jetzt innerhalb der Hallen umziehen. Denn aufgrund der industriellen Transformation verändert sich das Zusammenspiel von Automatisierung, Logistik und Software. Damit müssen wir diese Themen auch auf dem Messegelände neu ordnen, um die Besucherführung enstprechend anzupassen. Eine Messe verändert sich über die Jahre und mit ihr die Aussteller und deren Platzierung. Künftig stehen nicht mehr die Roboter im Zentrum des Geländes, sondern vielmehr die IT-Unternehmen, denn sie sind ausschlaggebend beim Thema industrielle Transformation. Die Roboterhersteller gehen dafür in den prominenten Ostbereich des Messegeländes.

Wie reagieren die Aussteller auf diese Entwicklung?

Sehr positiv. Die Aussteller erwarten zu Recht von uns, dass wir als führende Messegesellschaft im Industriebereich die Vorreiter sind. Wenn wir dann die Erwartungen übererfüllen und nicht nur eine Halle 5G-fähig machen, sondern das gesamt Gelände, hat das einen anspornenden Effekt: Viele Aussteller überlegen, wie sie im nächsten Jahr 5G für ihre Präsentation einsetzen können. Auch viele, für die das Thema 5G bisher keine große Rolle spielte. Das ist ein sehr positiver Hype, denn alle beschäftigen sich intensiv mit der neuen Generation im Mobilfunk und bringen damit wiederum die gesamte Messe technologisch voran. Wir rechnen damit, dass nicht nur die ganz großen Aussteller 5G-Anwendungen zeigen, sondern auch der Mittelstand sowie die zahlreich vertretenen Start-ups.

Was kann die Deutsche Messe als Dienstleister den Ausstellern an digitaler Infrastruktur bieten?

Unsere Hallen sind traditionsgemäß auf dem modernsten Stand. Hinzu kommt, dass bis 2020 das gesamte Gelände mit dem Mobilfunkstandard 5G abgedeckt sein wird. Im vergangenen Jahr war bereits eine Halle auf der Hannover Messe 5G-fähig – ein Novum und ein Leuchtturm. Gerade bei Logistikmessen, wo Maschinen gesteuert werden oder autonomes Fahren gezeigt wird, ist 5G als Standard unerlässlich. Da sind wir als Messeplatz hochattraktiv.

Was die digitale Unterstützung unserer Aussteller angeht, gab es ebenfalls einen starken Wandel unseres Service-Angebots. Noch bis vor zehn Jahren wurden Unmengen an Print-Formularen zum Ausfüllen an jeden Aussteller verschickt. Das haben wir im Laufe der letzten sechs, sieben Jahre massiv abgebaut. Inzwischen können sich die Aussteller komplett online anmelden und teilweise auch die Dienstleistungen online einsehen und bestellen. Dadurch ist Vieles einfacher und informativer für die Kunden geworden. Auch unser Online-Shop für die Aussteller ist im Laufe der Jahre dank unseres Know-hows ausgereift, dafür haben wir schon viel Lob erhalten.

Welchen Stellenwert hat die HANNOVER MESSE gerade im Bereich Industrie 4.0 international?

Als Industriestandort hat Deutschland eine große Bedeutung, gerade was die digitale Transformation im Maschinenbau mit vernetzten Maschinen oder dem Einsatz innovativer Technologien angeht. Aber auch Italien und China sind in diesem Bereich weit vorn. Etwa 50 Prozent unserer Aussteller sind international. Und jeder dritte Besucher kommt aus dem Ausland, Tendenz steigend. Die Welt kommt hierher, um sich – wie in einem Schaufenster – Technologien anzusehen, die zur Automatisierung der Industrie beitragen. Dabei zeigen wir das Zusammenwirken von Industrie, Energie und Logistik. In dieser Konstellation gibt es weltweit nichts Vergleichbares. Das macht die HANNOVER MESSE so einzigartig.

Hier klingt das Thema Nachhaltigkeit an. Inwiefern unterstützt die Digitalisierung die Schonung von Ressourcen?

Gerade im Logistikbereich geht es immer um Effizienz: Wie werden Leerfahrten oder Verpackungsmüll vermieden, wie können Güter möglichst effizient von A nach B gebracht werden? Kosteneffizient heißt auch energieeffizient, heißt auch nachhaltig. Wir haben im Logistikbereich schon vor über zehn Jahren das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen. Das fordern auch die Kunden. Sie interessieren sich zunehmend dafür, wie Spediteure transportieren oder ob Lagervermieter nachhaltig wirtschaften. Die Digitalisierung und leistungsstarke Rechner ermöglichen eine bessere Vernetzung und bessere Abstimmung sowie kürzere Transportzeiten und damit eine bessere Nutzung von Ressourcen.

Was tut die Deutsche Messe konkret für den Klimaschutz?

Bereits in unserer Unternehmenserklärung haben wir uns zu einer verantwortungsvollen und umweltschonenden Ressourcennutzung verpflichtet. Wir schaffen Bewusstsein für Nachhaltigkeit, verankern nachhaltiges Denken und Handeln im Unternehmen und verpflichten uns sozialen und ökologischen Werten. Eine Leitlinie sind für uns die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (UN), die 17 Sustainable Development Goals der Agenda 2030.

Konkret heißt das für die Deutsche Messe: Wir haben den Ausbau des Messegeländes bereits zu EXPO 2000-Zeiten unter das Motto „Mensch, Natur und Technik“ gestellt. Das betraf besonders den Aufbau der Infrastruktur und die Gebäudeausstattung sowie die Verkehrserschließung des Messegeländes. Zum einen gibt es eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr aber auch an den Fernverkehr. Wir sind eine der wenigen Messegesellschaften, die einen direkten Anschluss an Nah- und Fernverkehrszüge direkt am Gelände bieten. Außerdem setzen wir uns damit auseinander, wie wir die Energiekosten für den Betrieb der Hallen senken können. Auch fahren auf unserem Gelände mehrheitlich Elektrofahrzeuge, eine Elektrotankstelle haben wir ebenfalls. Und auch die komplette Busflotte soll auf Elektroantrieb umgestellt werden. Inzwischen ist es eine absolute Ausnahme, wenn ein Dieselbus auf dem Gelände zum Einsatz kommt. Weltweit einzigartig sind übrigens auch unsere Grünzonen auf dem Messegelände und die „Allee der Bäume“.

Noch einmal zurück zur Logistik 4.0, die ja 2020 ein großes Thema der HANNOVER MESSE sein wird: Welche Projekte sind in diesem Bereich besonders spannend?

Da gibt es natürlich viele Beispiele. Die Robotertechnik ist einmalig, die große Automobilkarosserien geradezu durch die Gegend fliegen lässt. Besonders beeindruckend im Bereich Logistik sind die fahrerlosen Transportsysteme. Es ist schon atemberaubend, wie diese Systeme sich untereinander erkennen und in hohem Tempo aneinander vorbeifahren. Wie sicher und zuverlässig das inzwischen läuft, ist faszinierend. Dazu wird es zur nächsten HANNOVER MESSE auch eine Sonderschau geben. Ebenfalls interessant sind die Drohnen. Sie sind technologisch vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll, aber dennoch spektakulär. In der Logistik finden sie ebenfalls Einsatz, etwa zur Inventur, zur Überwachung oder zur Inspektion.

Haben bei Ihren Messen, wo ja international renommierte Großunternehmen eine große Bühne bekommen, auch kleine Unternehmen oder Start-ups eine Chance auf Aufmerksamkeit?

Auf jeden Fall. Auf die Hannover Messe zu kommen, ist auch eine große PR-Chance. Ein Beispiel: Unter den Ausstellern der diesjährigen HANNOVER MESSE war ein Start-up, das in diesem Jahr den Hermes-Award gewonnen hat, ein großer Industriepreis. Der Preisträger wird im Rahmen der großen Eröffnungsfeier bekannt gegeben. Als ich am dritten Messetag deren Stand besuchte, sagte der Gründer: „Wir ertrinken in Visitenkarten.“ Die hatten durch die plötzliche Präsenz natürlich enormen Zulauf. Auch dafür steht die HANNOVER MESSE. Es ist sehr viel Mittelstand vertreten. Und dessen Innovationskraft wird hier sichtbar.

Auch die Digitalisierung trägt zur Sichtbarkeit bei. Die Messebesucher informieren sich im Vorfeld über die Aussteller- und Produktsuche oder über Suchmaschinen und entscheiden dann, wen sie besuchen. Im Netz ist der kleine Aussteller genauso sichtbar wie der große.

Viele Aussteller setzen an ihren Ständen inzwischen auf virtuelle Technologien. Besteht die Gefahr, dass Standflächen und reale Exponate dadurch immer kleiner und unspektakulärer werden?

Das hat sich jetzt schon verändert. Die Begegnung zwischen den Menschen und das Gespräch werden immer wichtiger. Große Gabelstaplerfirmen etwa hatten früher bis zu 50 Maschinen am Stand. In Zukunft werden da ein, zwei Stapler exemplarisch stehen. Denn Vieles wird virtuell präsentierbar. Gezeigt wird die neustes Technologie, nicht mehr allumfassend alles. Tendenziell werden die Stände dann auch ein bisschen kleiner. Aber: Qualität ist besser als Quantität.

Die Inhalte haben sich stark Richtung smarte Technologien entwickelt. Das Design der Stände wird wichtiger: ein Smart Design mit Highlights. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Stand, der komplett bewaldet war. Wenn das zum Konzept gehört und eine schlüssige Geschichte erzählt, ist es kreativ. Dafür wurde früher unheimlich viel Geld ausgegeben. Heute gilt es vielmehr, eine clevere Geschichte darum zu spinnen. Von den Messebauern habe ich noch nicht gehört, dass sie sich Sorgen machen. Eher im Gegenteil: Wenn sie kreativ sind, haben sie alle Chancen. Die Aussteller wollen zudem angenehme Begegnungsstätten für die Besucher schaffen. Eine integrierte Kaffeebar ist da fast schon obligatorisch. Es geht neben der Präsentation und dem Gespräch auch um das Wohlfühlen am Stand.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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